Disclaimer
Bei dieser Leseprobe handelt es sich nicht um die finale Version des Textes. Er ist zwar bereits inhaltlich und stilistisch lektoriert, es hat aber noch kein Korrektorat stattgefunden. Du wirst aber sicher trotzdem Spaß beim Lesen haben und einen guten ersten Eindruck gewinnen können.
Content Notes
DEMON UNDER YOUR SKIN

KAPITEL 1
November
»Soll ich das wirklich machen?« Meine Stimme hallt wider in der Wohnung, die zwar klein und vollgestopft ist, sich aber leer anfühlt, seit Kay mich allein gelassen hat. Mich fröstelt es.
Beamer, mein einäugiger Teddybär, beobachtet mich stumm vom Tisch aus, wo er neben meinem Rucksack sitzt. Er wartet darauf, dass ich mich entscheide. Wirklich entscheide, meine Sachen nehme, gehe und nicht nur weiter herumsitze und auf Kay warte.
Dabei stimmt das gar nicht, ich bin nicht untätig gewesen. Zumindest nicht nach den ersten fünf Tagen, die ich nur in der Wohnung — oder besser: im Bett unter der Decke — verbracht habe.
Doch dann sind mir Wasser und Lebensmittel ausgegangen und ich musste notgedrungen auf die Straße. Nicht nur, um mir etwas zu essen und zu trinken zu organisieren, sondern auch, um mich umzuhören, ob jemand Kay gesehen hat. Ob einer seiner Freunde, die er nur noch Kontakte nennt, weiß, wo er abgeblieben ist.
Angeblich wissen sie alle nichts darüber, wo mein Bruder steckt. Aber ein paar von ihnen haben einen Namen genannt. Einen Namen, den ich kenne: Mel, Kays früherer bester Freund.
Die Dinge, die auf der Straße hinter vorgehaltener Hand über ihn erzählt werden, sind grausig. Normalerweise würde ich einen großen Bogen um Leute machen, über die solche Gerüchte kursieren. Aber bei Mel habe ich keine Wahl, er ist meine letzte Chance. Alle anderen Möglichkeiten habe ich in den vergangenen Monaten bereits ausgeschöpft, selbst, wenn sie noch so unangenehm für mich waren.
Seufzend schiebe ich meine letzten beiden, bereits ziemlich zerkratzten Wasserflaschen in meinen Rucksack, in dem schon die Kleidungsstücke, die ich besitze, ihren Platz gefunden haben. Es sind nicht mehr viele.
Ein paar von Kays Kontakten behaupten, er hätte etwas von einem Auftrag gesagt, aber Genaueres wüssten sie nicht. Was für ein Auftrag sollte das auch sein? Soweit ich weiß, hat er nur gelegentlich in der Werkstatt von Brian ausgeholfen oder die Nachbarschaftspatrouille unterstützt. Beides wären keine Jobs, bei denen er Aufträge hätte, deretwegen er mich ohne Erklärung allein lassen müsste.
Wenn er allerdings doch wieder … Wenn das, was ich auf mich genommen habe, um doch noch einen Hinweis auf ihn zu finden …
Aber nein. Ich nehme einen bewussten Atemzug. Zwei. Presse die Hand auf mein Herz, um seinen stolpernden Sprint zu beruhigen.
Kay hat mir hoch und heilig versprochen, dem Militär den Rücken zuzukehren. Erst recht, nachdem der neue Präsident im schrecklichen zweiten Jahr nach dem Fall die Macht an sich gerissen hatte. Schon nach den ersten Meldungen, wie skrupellos und aggressiv diese neue Regierung vorging, um mit absurden Notgesetzen ihre Vorherrschaft durchzusetzen, habe ich Kay angefleht, diesen Leuten abzuschwören. Ich wollte, dass er mit Mama und mir verschwindet, irgendwohin, wo die Auswirkungen des Machtwechsels keine so große Rolle spielen.
Beim Anstehen für die wenigen Lebensmittelrationen hatte ich Geschichten gehört. Darüber, dass es im Süden dessen, was vor der Auflösung der innereuropäischen Grenzen Spanien war, ruhiger zuginge. Dass sich dort keine totalitäre Regierung gebildet habe, die sich nur auf dem Papier als Demokratie ausgibt, wie bei uns. Keine Regierungspatrouillen, die sich einem auf dem Heimweg mit absurden Anschuldigungen und Forderungen in den Weg stellen. Dass dort diese ganze Dämonen-Sache kaum präsent wäre und so etwas wie ein normales Leben weiterhin möglich sei.
Dafür müsstest du nicht in den Süden, höre ich die Stimme meiner besten Freundin in meinem Kopf. Seit sie und ihre feste Freundin mit deren Familie aus der Stadt geflohen sind, höre ich sie öfter. Du bist immer bei uns am See willkommen.
Ich schiebe die Stimme weg und mit ihr das beklemmende Gefühl, das mich die Schultern heben lässt. Bewusst senke ich sie wieder. Ich muss mich auf meinen Plan konzentrieren.
»Ich werde das durchziehen«, sage ich in die leere Küche hinein, um mir selbst Mut zuzusprechen.
Denn obwohl ich Kay nicht mehr wert war als ein Zettel auf dem zerkratzten Küchentisch, bedeutet er mir mehr. Er ist mir wichtig und ich will zumindest wissen, ob er noch lebt.
Ich nehme den Zettel zur Hand, den Fetzen Papier, auf dem er mir seine Abschiedsnachricht hinterlassen hat. In den vergangenen Wochen habe ich ihn gefaltet, zerknüllt, wieder auseinandergestrichen. Immer wieder. Mittlerweile fühlt er sich ganz weich an. An den Falzstellen ist das Papier durchscheinend geworden, als würde es wie Kay verschwinden wollen. Die Buchstaben sind leicht verwischt, aber noch lesbar.
Ich muss etwas Dringendes erledigen. Warte nicht auf mich. Leb dein Leben und erfüll dir deine Träume. Ich werde dich immer finden, egal, wo du bist.
Ich schnaublache. Der bittere Geschmack von Zweifeln legt sich auf meine Zunge.
Wenn Kay nicht einmal den Anstand hat, mir das ins Gesicht zu sagen, wird er mich wohl kaum suchen. Genauso wenig wie unser Erzeuger, der auch einfach in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verschwunden ist.
Damals waren die Worte andere — es liegt nicht an euch, es liegt an mir —, aber die Botschaft nicht weniger deutlich.
Wut und Trauer steigen in mir hoch, heiß und stechend. Ich krümme mich, knülle dabei den Zettel in der Faust zusammen.
Schon wieder ist jemand aus meinem Leben verschwunden, der mir wichtig ist. Was ist das nur? Warum verlassen mich alle, die ich liebe?
Kay hat mir versprochen, dass er das niemals tun würde. Hat immer behauptet, es wäre nicht meine Schuld, dass unser Erzeuger gegangen ist. Kay hat mir immer das Gefühl gegeben, ich wäre gut so, wie ich bin — auch wenn ich ihm das nie ganz glauben konnte.
Und jetzt ist Kay ebenfalls gegangen.
War ich ihm zu viel? Zu anstrengend mit meinen Forderungen, mit meinen Fragen, wo er sich den ganzen Tag herumtreibt?
Ein Schluchzen arbeitet sich meine Kehle empor, doch ich schlucke entschlossen dagegen an.
Reiß dich zusammen, Sarah, rede ich mir dieses Mal selbst zu.
Du bist gut genug, drängt sich Elas Stimme zwischen meine Gedanken, die sich schon wieder im Kreis drehen.
Sie hatte Ähnliches gesagt, bevor auch sie vor drei Monaten aus der Stadt und damit aus meinem Leben verschwunden ist. Sie wollte, dass ich mitkomme. Ich wollte nicht. Ich konnte nicht einfach gehen, ohne alles versucht zu haben, um Kay zu finden.
»Dieser Wahn wird dich noch umbringen«, hat Ela gesagt, ihre Stimme voller Tränen. »Warum tust du nicht ein einziges Mal, was gut für dich ist?«
Meine Familie ist gut für mich. Wenn nicht die Familie, wer oder was dann?
Aber was, wenn er wie Mama … Wenn er nicht zurückgekommen ist, weil …
Mein Herz krampft.
Nein.
Ich schiebe diesen Gedanken ebenfalls energisch zur Seite, greife nach Beamer. Meine Finger krallen sich in ihn, für einen Moment presse ich mein Gesicht in sein müffelndes Fell. Wie immer fängt er meine Tränen auf, bevor sie für den Rest der Welt sichtbar werden.
Dann halte ich ihn am ausgestreckten Arm von mir weg.
»Kay lebt und wir werden ihn finden«, sage ich zu dem Teddy.
Ich weiß, wie bescheuert es ist, dass ich mit meinen dreiundzwanzig Jahren noch mit einem Kuscheltier spreche. Aber er war schon vor Jahren der Einzige, der sich all meine Sorgen und Probleme ohne Wertung angehört hat.
Einen zittrigen Atemzug später streiche ich den Zettel mit Kays Nachricht mit brennenden Augen glatt und falte ihn sorgfältig. Zusammen mit dem letzten Bild, das ich von Kay, Mama und mir habe, verstaue ich ihn im Rucksack. Beamer folgt, allerdings schaut wie immer sein Kopf oben heraus. Er passt auf, dass mir nichts Böses in den Rücken fällt — zumindest stellte ich mir das so vor.
Mit einer fahrigen Bewegung streiche ich mir die Haare hinters Ohr, die aus dem Zopfgummi gerutscht sind. Ich nehme einen Atemzug, stoße die Luft kräftig aus.
Kay lebt noch. Und ich habe eine Chance, ihn zu finden — weil ich jetzt einen guten Anhaltspunkt habe, wo und wie ich zumindest jemanden treffen kann, der wissen könnte, wo er steckt. Oder zumindest bessere Kontakte hat als ich.
Ich schultere den Rucksack und werfe einen letzten Blick in die Wohnung, die Kay und ich uns vor zwei Jahren gesichert haben. Sie riecht schal, nach Enttäuschung und Verzweiflung. Hier ist nichts mehr, was ich noch mitnehmen will.
Zeit, einen alten Schulfreund zu treffen.

Die Luft riecht kalt und klar, was sich trotz all der Zeit, die vergangen ist, falsch anfühlt, wenn man die vierspurige Straße im Stadtzentrum betritt.
Ich riskiere einen Blick die Straße entlang, aber außer mir ist nur eine andere Frau unterwegs. Das ist im ersten Moment beruhigend, doch das Geschlecht war noch nie ein Garant für nettes Verhalten.
Bewusst rolle ich mit den Schultern, um die Anspannung loszuwerden, die hineingekrochen ist, seit ich die Wohnung verlassen habe. Ich richte mich auf, um keine Unsicherheit zu zeigen. Ich habe am eigenen Leib erfahren, dass man in unserer neuen Welt Schwächen besser nicht allzu deutlich zur Schau stellt.
Trotz der über den Kopf gezogenen Kapuze sehe ich mich bei jedem Schritt wachsam um, in jeden dunklen Hauseingang, jeden Durchgang zu einem Innenhof, jeden Winkel, aus dem mir jemand oder etwas entgegenspringen könnte. Heutzutage weiß man nie, ob hinter der nächsten Straßenecke eine Person wartet, der noch verzweifelter ist als man selbst.
Allerdings muss man zumindest nicht mehr nach links und rechts schauen, bevor man die Straße überquert. Es gibt kaum noch fahrende Autos. Dafür finden sich liegengebliebene Fahrzeuge, teilweise nur noch ausgebrannte Gerippe, überall auf den Gehwegen verteilt. Nach anfänglichen Straßensperren, um in einem verzweifelten Versuch während der ersten Seuchenwelle Bezirke notdürftig abzuriegeln und Quarantänezonen zu schaffen, wurden die Autos schließlich wieder an den Rand geschoben. Für mehr Normalität, hieß es. Doch die Normalität hat sich längst verabschiedet.
Aus jeder kleinen Ritze im bröckeligen Asphalt drängt sich Grün. Die Natur ist unerbittlich in ihrem Bestreben, die Städte zurückzuerobern. Parolen in unterschiedlichen Sprachen — Deutsch, Englisch, Spanisch, Polnisch, Niederländisch, Französisch – zieren in wilder Mischung die Fassaden, dazwischen kyrillische Schriftzeichen. Bereits in den Jahren vor dem Fall, als die Grenzen innerhalb Europas aufgelöst wurden, begannen sich die Nationalitäten zu vermischen. Der Fall hat diese Bewegung nur beschleunigt.
Vor meinem endgültigen Ziel mache ich einen Abstecher ins Butcher, der Bar, in der ich in den letzten anderthalb Jahren immer mal wieder gekellnert habe.
Der leicht säuerliche Geschmack von Ekel legt sich auf meine Zunge, kaum dass ich den schummrigen Raum betrete. Das liegt nicht nur am abgestandenen Geruch nach Bier und Schweiß, sondern vor allem an den Erinnerungen an aufdringliche Kundschaft.
Zum Glück ist zu dieser Zeit kaum jemand hier. In einer Ecke sitzt ein rauchender Typ in Lederjacke, gekrümmt über sein Bierglas. Er muss Geld oder gute Beziehungen haben, wenn er Zigaretten hat.
Auf der Bank beim beschmierten Fenster schlafen ein Mann und eine Frau offensichtlich ihren Rausch aus.
Kurt, der Besitzer des Butcher, steht hinter dem behelfsmäßig zusammengezimmerten Tresen und sortiert etwas. Putzen wird er nicht — täte er das überhaupt jemals, wäre der Boden sicher nicht so klebrig, wie er ist.
»Sarah«, begrüßt er mich, der Tonfall neutral bis abschätzig. »Ich habe heute keine Arbeit für dich.«
Er konnte mich noch nie richtig leiden, aber bei ihm macht mir das nichts aus. Ich kann ihn auch nicht leiden. Die Arbeit im Butcher war für mich allerdings die einzige Möglichkeit, zu Kays und meinem Lebensunterhalt beizutragen.
Nun, zumindest fast die Einzige. Über die andere will ich nicht genauer nachdenken.
»Deswegen bin ich nicht hier.« Ich trete an den Tresen, widerstehe der Versuchung, mich umzusehen, nur schwer. Ich fühle mich beobachtet, obwohl niemand hinter mir ist. Vielleicht ist es nur meine antrainierte Vorsicht, eine Angewohnheit der letzten Jahre. »Ich will meinen Lohn für letzte Woche abholen.«
Kurt schnaubt. Dieses Mal ist die Abfälligkeit nicht nur angedeutet. »Du warst doch kaum hier, und wenn, hast du den Gästen Löcher nach Melvin Alcantara in den Bauch gefragt.« Er fixiert mich mit seinen dunklen Augen. »Das ist nicht gut fürs Geschäft. Ich sollte mich wahrscheinlich eher von dir bezahlen lassen, dafür, dass ich dir eine Bühne biete.«
Seine Worte schließen sich wie eine Faust um meinen Brustkorb und erschweren mir das Atmen. Ich hatte gedacht, mit meinen Fragen zuerst nach Kay, später nach Mel vorsichtig gewesen zu sein. Sie beiläufig und zurückhaltend gestellt zu haben.
Egal. Nichts anmerken lassen.
Ich verschränke die Arme vor der Brust, verstecke meine Unsicherheit wie immer hinter meinen Worten. »Gearbeitet habe ich trotzdem. Immerhin kommen viele der Leute wegen meines Dekolletés, oder nicht? Also steht mir die Bezahlung zu.«
Er schnaubt erneut, bückt sich unter den Tresen und zieht eine fleckige Stofftasche hervor, in der er herumkramt. »Weißt du, wenn ich alle so nachsichtig behandeln würde wie dich …« Über die Holzplatte mit den unzähligen Kerben und eingefressenen Ringen von Gläsern und Flaschen schiebt er mir einen Schokoriegel zu.
Die Verpackung ist, soweit ich das aus dieser Entfernung beurteilen kann, unbeschädigt und knistert leicht. Allein schon bei diesem Anblick läuft mir das Wasser im Mund zusammen und ich kann die Süße fast auf der Zunge schmecken. Wann habe ich das letzte Mal Schokolade gegessen?
Ich greife nach dem Riegel, meine Finger schließen sich um die leicht klebrige Verpackung. Bevor ich jedoch meine Bezahlung zu mir ziehen kann, schießt Kurts Hand vor und umklammert mein Handgelenk.
»Ich gebe dir das nur, weil dein ach-so-toller Bruder mich darum gebeten hat, nett zu dir zu sein und ich ihm noch etwas geschuldet habe.« Seine Stimme ist ein Zischen, seine Worte treffen zielsicher.
Diese Information ist neu für mich. Mir wird ganz heiß, mein Magen krampft. Ich habe angenommen, aus eigener Kraft an diese Stelle gekommen zu sein. Aber nun habe ich sie Kay zu verdanken? Und er hat Kurt gebeten, nett zu mir zu sein? Wie ist dieser Mann denn zu Menschen, zu denen er nicht nett ist? Oder liegt das wieder nur an mir?
»Da sich der holde Herr aber auch nicht mehr blicken lässt und du wirklich lästig wirst mit deiner Fragerei, brauchst du gar nicht mehr aufzutauchen, verstanden? Ich kann gut darauf verzichten, wegen dir und deinem Herumschnüffeln die Aufmerksamkeit von Leuten wie Melvin Alcantara auf mich und mein Geschäft zu ziehen.« Sein Griff um mein Handgelenk wird schmerzhaft fest und ich ahne, dass ich die Abdrücke wie ein Armband für die nächsten Tage als Erinnerung mit mir herumtragen werde.
Ich reiße mich los, den Schokoriegel in der Hand.
»Danke«, sage ich und mich flutet Erleichterung, diesem Ort gleich den Rücken kehren zu können. »Es war mir ebenfalls die reinste Freude. Keine Sorge, du wirst mich nicht wiedersehen.« Denn das wird er auf keinen Fall, wenn mein Plan funktioniert.
Ohne einen weiteren Blick zurück verlasse ich die Bar, meine Bezahlung wie einen Schatz an die Brust gedrückt.
Der Drang, die Süßigkeit in meinen Händen zu verschlingen, die Schokolade auf meiner Zunge schmelzen zu fühlen, ist riesengroß. Aber ich verbiete es mir und stecke den Riegel in die Bauchtasche meines Hoodies. Selbst wenn er anschmilzt, habe ich ihn so nah bei mir. Ich will ihn für eine besondere Gelegenheit aufheben: Wenn ich Kay wiederfinde. Damit könnte ich ihm zeigen, dass ich selbst auf mich aufpassen kann und er nicht Leute wie Kurt darum bitten muss, nett zu mir zu sein.
Ich schaue mich den ganzen weiteren Weg nicht um. Nicht, weil ich keine Angst habe, verfolgt zu werden, sondern weil ich ganz darauf fokussiert bin, in den zerstörten Straßen den Weg zu finden. In der Gegend, in die ich muss, war ich bis vor zwei Wochen noch nie. Aus gutem Grund.
Schließlich erreiche ich das Industrieareal im Süden der Stad. Aus den Schatten der nächsten Häuserecke beobachte ich das Gelände – wie so oft in den vergangenen Wochen, als ich alles ausgekundschaftet habe.
Es gibt eine große Einfahrt, die mit einer Schranke versperrt ist. In einem Wachhäuschen lümmelt ein sichtlich gelangweilter Kerl. Sogar aus der Entfernung kann ich sehen, wie er regelmäßig gähnt.
Die Mauer um das Gelände ist teilweise eingestürzt und nur provisorisch mit Bauzäunen verstellt. Dort sollte ein Durchkommen möglich sein.
Natürlich könnte ich auch einfach zum Eingang gehen und fragen, ob ich Mel sprechen kann. Aber das ist mir zu unsicher, zu gefährlich. Ich habe zwar von unterschiedlichen Leuten gehört, dass er für diesen Ort, was auch immer dort genau passiert, verantwortlich ist. Aber in all den Stunden, die ich alles beobachtet habe, habe ich ihn nie zu Gesicht bekommen. Ich würde eher zu ihm nach Hause gehen, aber niemand konnte oder wollte mir sagen, wo er wohnt. Deswegen werde ich mich erst auf dem Gelände umsehen, am besten durch ein Fenster, und herausfinden, ob er da ist.
Ich warte ab, bis der Wachmann in die andere Richtung schaut, dann gehe ich in normalem Tempo — zügig, heutzutage schlendert niemand mehr — über die Straße in die Gasse rechts des Areals.
Auf dieser Seite entdecke ich, wie schon die letzten Male, niemanden, der Wache hält. Aus der großen Industriehalle dringen Kampfgeräusche in die kalte Nachmittagsstille. Für mich, die mit Kämpfen so wenig anfangen kann wie mit Raumfahrt, hört es sich an wie Boxen. Nach Schlägen, die Körper treffen; nach Grunzen und Stöhnen. Aber nicht nach dem, von dem die Gerüchte berichten, die mich hierhergeführt haben. Die Geschichten über lebendigen Rauch, der Menschen besetzt und seinem Willen unterwirft.
Ein eisiger Schauer rieselt durch meinen Körper, lässt mich zittern. Bewusst schüttle ich Arme und Beine aus, um die Anspannung loszuwerden. Meine Haut fühlt sich trotzdem zu eng für meinen Körper an.
Durchhalten, Sarah, rede ich mir gut zu. Das wird schon klappen.
Immerhin kenne ich Mel. Er wird sich zwar in den fünf Jahren, seit wir uns zuletzt gesehen haben, verändert haben – wie wir alle. Aber er wird immer noch Mel sein. Und wir kennen uns. Kannten uns sogar richtig gut.
In der schmalen Lücke zwischen einem ausgebrannten Auto und der bröckeligen Fassade einer anderen Industriehalle verstecke ich den Rucksack und bedecke ihn behelfsmäßig mit Müll. Ihn auf dem Rücken zu tragen, würde mich nur behindern.
Ich hätte die Sachen auch in der kleinen Wohnung lassen können, die Kay und ich vor zwei Jahren erobert haben. Doch ich wollte sicherheitshalber alles bei mir haben. Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand die Chance nutzt, wenn eine Wohnung — wenn auch nur kurzzeitig — leer steht. Vor allem, wenn in der Wohnung noch Strom und Abfluss funktionieren. Es wäre nicht viel anders, als wir selbst an die Wohnung gekommen sind.
In diesem Versteck habe ich meine Sachen außerdem in der Nähe und kann sie holen, falls Mel wirklich hier ist, mehr über Kays Verbleib weiß und mich zu ihm bringen kann.
Ich werfe einen letzten Blick auf meinen Rucksack, sehe in Beamers verbliebenes Knopfauge.
»Ich komme wieder und hole dich.« Das Versprechen legt sich wie ein Stein in meinen Magen. Es fühlt sich wie die Vorahnung eines Abgrunds an, in den ich stürzen werde.
Es mag bescheuert sein, Mel zu suchen und um Hilfe zu bitten — Ela hatte eine eindeutige Meinung dazu. Wenn auch nur ein Bruchteil der Gerüchte stimmt, die wir über ihn gehört haben — Menschenhandel, Dämonenkämpfe, Mel als Handlanger der Regierung —, könnte mein Vorhaben ziemlich in die Hose gehen.
Aber ich habe keine Wahl. Auch wenn Kay einfach gehen konnte, ohne zurückzuschauen – ich kann es nicht. Ich muss zumindest wissen, was mit ihm passiert ist.
Ich straffe die Schultern, ziehe mir die Kapuze tiefer ins Gesicht und schlüpfe zwischen Bauzaun und bröckeliger Mauer hindurch.
Was soll schon schiefgehen?

KAPITEL 2
Wie sich herausstellt, geht so ziemlich alles schief.
»Wo warst du während des Falls?« Die Frage reißt mich aus meinen Gedanken.
Der Ton meines Käfiggegenübers ist desinteressiert und das ist kein Wunder. Diese Frage ist in den Jahren seit dem Fall zur beliebten Small-Talk-Frage geworden. Dabei interessiert die Antwort darauf in den seltensten Fällen. Ich weiß das — ich habe sie oft genug selbst gestellt.
»Ich bin mir nicht mehr sicher.« Keine Ahnung, warum ich das sage. Dass ich lüge, wird ihm klar sein.
Jeder kann sich daran erinnern, wo er während des Falls war.
Meine Mutter erzählte mir — als sie noch konnte — gern davon, dass in ihrer Generation die Frage lautete: Wo warst du am elften September 2001? In der davor sei es die Frage nach dem Mauerfall gewesen.
Und so weiß auch ich genau, wo ich war, als die Dämonen auf die Erde kamen. Wo ich war, als sie vor fünf Jahren vom Himmel fielen, unsere Welt auf den Kopf stellten und Flugzeuge, die absichtlich in Türme gesteuert worden waren, niemanden mehr interessierten.
»Ich war zu Hause. Im Bett.« Er sieht mich nicht an, als er das sagt. Spielt mit dem Saum seines zerschlissenen T-Shirts. Er kann seine Beine gerade so ausstrecken, viel mehr Platz gibt der Käfig nicht her.
Ebenso wenig wie meiner.
Die ersten Minuten, nachdem sie mich eingesperrt haben, habe ich geschrien, an den Gitterstäben gerüttelt, versucht, die Tür aufzubrechen. Keine Chance. Schließlich rang ich die Panik nieder, denn sie hilft mir in meiner aktuellen Situation nicht.
Was ich brauche, sind Ruhe und überlegtes Handeln. Also kein Schreien mehr. Dafür sind meine Finger blutig, weil ich ohne Pause an der Nagelhaut knibble.
Als ich nicht auf seine Erzählung reagiere, sieht der Typ im Käfig gegenüber auf. Seine Augen sind dunkel, überschattet von einem wilden Wust aus Haaren auf seinem Kopf. Sie stehen im Kontrast zu seinen fein geschnittenen Gesichtszügen.
Aus seiner Hosentasche zieht er ein zerknittertes Päckchen Zigaretten, das dazugehörige Feuerzeug aus dem Schaft seines abgewetzten Stiefels. Offensichtlich haben die Männer ihn nicht so gründlich durchsucht wie mich.
Es war eine Erfahrung, auf die ich gut hätte verzichten können — obwohl ich Schlimmeres hinter mir habe. Sie haben mir alles abgenommen, als sie mich auf dem Gelände erwischt haben, sogar den Schokoriegel. Auch mein Zopfgummi fehlt, jetzt hängen mir die Haare ins Gesicht. Vielleicht sollte ich sie abschneiden? Lange Haare sind unpraktisch. Menschen können einen viel zu gut daran festhalten.
Mein Käfiggegenüber streckt mir die Zigaretten durch die Gitterstäbe entgegen. »Willst du auch eine?«
Gitterstäbe.
Ein Schauder läuft mir über den Rücken. Statt mit Ela und Pat in ihrem Haus am See zu sitzen, bin ich hier. In einem Käfig! Als hätte ich mich in meinem Leben nicht schon eingesperrt genug gefühlt.
Es zählt nicht, wenn man sich das Gefängnis selbst geschaffen hat, Sarah, kommentiert Elas Stimme in meinem Kopf.
»Rauchst wohl nicht?«, unterbricht der Typ meine Gedanken — und ich bin ihm dankbar. Zu groß ist die Gefahr, dass ich mich in meinem eigenen Kopf verirre. Das kann ich mir in dieser Situation nicht leisten.
Zur Antwort schüttle ich den Kopf. Ich konnte dem Rauchen noch nie viel abgewinnen.
»Was ist mit ihr passiert?« Mit dem Kinn deutet er auf das Mädchen im Käfig links neben meinem.
»Keine Ahnung. Sie war bereits bewusstlos, als sie mich eingesperrt haben.«
Meine Käfignachbarin liegt auf dem Bauch, das Gesicht mir abgewandt. Anfangs dachte ich, sie wäre tot, doch in der Zwischenzeit hat sie sich bewegt und dabei schmerzerfüllt gestöhnt. Ich will nicht darüber nachdenken, was mit ihr passiert sein könnte — und was das für mich bedeutet.
Ihr weißes Kleid mit grober Spitze erinnert mich an ein altmodisches Unterkleid. Darin wirkt sie noch mehr fehl am Platz als der Kerl gegenüber und ich selbst, da wir beide zumindest im typischen Apocalyptic Chic gekleidet sind. Er hat schwere Stiefel und eine Lederjacke an. Ich Chucks und einen Hoodie, der mir durch den Schatten der Kapuze zumindest vermeintliche Sicherheit gibt.
Doch es ist albern, das zu denken. Als passte auch nur einer von uns hierher!
Die Käfige waren ursprünglich nicht für Menschen gedacht. Schwach hängen noch tierische Ausdünstungen in der Luft, Scharten von Krallen zieren die Holzbretter, die den Boden meines Käfigs bilden. Der Eimer in der Ecke ist der reinste Hohn.
Die einzelnen würfelförmigen Einheiten sind an den Kanten schätzungsweise etwas mehr als einen Meter lang. Drei davon bilden eine Reihe mit einer weiteren Riege Käfige darauf gestapelt, zwei Reihen liegen sich mit einem schmalen Gang dazwischen gegenüber.
Ein Menschenlager.
Mir wird übel.
»So, so.« Man könnte meinen, dem Wuschelhaartypen wäre egal, was passiert. Aber ich sehe seine Hände zittern, als er sich eine Zigarette anzündet. »Und der da drüben?« Er deutet mit seiner Zigarette auf den blonden Kerl im Käfig rechts von seinem, der mit den Armen um die Beine geschlungen dasitzt und sich wimmernd vor und zurück wiegt.
Ich zucke mit den Schultern. »Hat noch kein Wort gesagt.«
»Wie lange bist du hier?«
»Vielleicht zwanzig, dreißig Minuten länger als du. Hast du eine Ahnung, was sie mit uns vorhaben?«
Er wiegt nachdenklich den Kopf. »Keine Ahnung. Ich denke nur—«
»Dass es nichts Gutes sein kann?« Wie sinnlos, das auszusprechen. Ist jemals jemandem etwas Gutes passiert, nachdem er gefangen und in einen Käfig eingesperrt wurde? Wohl kaum.
Der Typ legt den Kopf schräg. Verzieht die vollen Lippen zu etwas, das ein schiefes Grinsen sein könnte. »So könnte man sagen.« Der Rauch kräuselt sich aus seinem Mund, wirkt lebendig im schwachen Licht, das durch die hoch gelegenen Fenster fällt. »Nichts Gutes.«
Ich lehne mich zurück an die Gitterstäbe, ziehe meine Beine an und presse die Handflächen gegen die Augen.
Ich möchte nicht daran denken, wie grandios mein Plan gescheitert ist. Allerdings bringen mich weder die Tränen noch die Panik weiter, die kurz unter der Oberfläche meiner ruhigen Fassade lauern. Auch wenn die Männer, die mich einkassiert haben, nicht auf meine Fragen nach Mel reagiert haben, klammere ich mich an einen letzten Rest Hoffnung, dass die Mühe nicht ganz vergebens war.
Aber auch darüber nachzudenken, sendet meine Gedanken nur in Spiralen, die nirgendwohin führen.
»Ich war in der Uni«, beantworte ich nun doch die anfängliche Frage meines Käfiggegenübers, um mich abzulenken.
Vor meinem inneren Auge sehe ich wieder die riesigen, glühenden Gesteinsbrocken majestätisch über den Himmel ziehen und das Chaos, das ihnen folgte.
Wären sie doch niemals gefallen.
»Oh, okay.«
Aus zu Schlitzen verengten Augen sehe ich ihn an. »Was ist, traust du mir nicht zu, dass ich studiert habe?«
Da ist es wieder — das, was aussieht wie ein schiefes Grinsen. Er drückt die Zigarette neben sich auf dem Käfigboden aus und schnippt den Stummel in die diffuse Dunkelheit rechts von uns.
»Natürlich traue ich dir das zu … Äh, wie heißt du eigentlich?«
Bevor ich ihm antworten kann, dringt das dumpfe Klappern näherkommender Schritte zu uns.
»Ob das wohl Nummer Fünf wird?« Der Wuschelhaartyp klingt so angespannt, wie ich mich fühle.
Denn entweder, es wird eine weitere Person mit uns eingesperrt, oder es wird etwas Anderes passieren. Etwas, das mich schon jetzt jeden Muskel im Körper anspannen lässt.
Mit einem lauten Quietschen öffnet sich die Tür und zwei Männer treten zu uns ins Menschenlager. Es sind dieselben, die mich gefangen, durchsucht und in den Käfig gesteckt haben. Sie sind dunkel gekleidet, mit Messern an den Gürteln und Pistolen im Halfter. Der eine hat eine Glatze, auf der Schweißperlen glitzern, und die engen Korkenzieherlocken des anderen formen einen beeindruckenden Afro.
»Zuckerpuppe, du bist gefragt.« Glatzkopf kommt näher.
Ich habe wirklich keine Lust, ihre Finger noch einmal auf mir zu spüren. Galle brennt mir im Hals. Aber …
Zuckerpuppe? Ernsthaft?
Schon vor dem Fall war meine Zunge meist schneller als mein Verstand, waren Ironie und Sarkasmus mein Panzer, um zu verstecken, wie zerrissen und verkehrt ich mich fühle – in den seltensten Fällen zu meinem Vorteil.
»Hast du hier eine Zuckerpuppe gesehen?«, frage ich den Typen im Käfig gegenüber mit unschuldig aufgerissenen Augen.
Er lacht überrascht, steigt aber mit ein. »Nein, keine Ahnung. Vielleicht hat sie sich bei der Feuchtigkeit hier unten aufgelöst?«
Der Glatzkopf tritt gegen seinen Käfig. »Ruhe auf den billigen Plätzen.«
Mein Gefängniskumpel lacht weiter. »Wie kommt man denn an die teuren Plätze?«
»Ich an deiner Stelle wäre vorsichtig, was ich sage.« Afros Stimme ist ein Zischen, als er seine Waffe aus dem Holster zieht und donnernd den Knauf gegen den Käfig des Wuschelhaartypen schlägt.
Es scheppert so laut, dass wir alle zusammenzucken. Der Typ, der bislang keinen Ton gesagt hat, wimmert lauter. Nur das Mädchen im Unterkleid regt sich nicht.
Afro grinst fies.
Ich sehe dem Wuschelhaarigen gegenüber an, dass er gern noch mehr sagen würde, aber er verkneift es sich. Vielleicht ist das besser.
Vielleicht ist es auch besser, wenn ich selbst endlich lerne, meine Klappe im richtigen Moment zu halten. Wenn ich in den letzten Jahren eines herausgefunden habe, dann, dass mit Menschen, die eine Waffe bei sich tragen, nicht zu spaßen ist. Außerdem entdecke ich etwas in Afros Blick, das mir einen eisigen Schauer über den Rücken jagt.
»Keine Mätzchen, Schätzchen.«
Welch ein Poet, denke ich, beiße mir dieses Mal aber rechtzeitig auf die Zunge.
Die Schlüssel klimpern, als Afro meine Käfigtür öffnet. Ich reagiere nicht sofort — zum einen will ich jetzt doch nicht so gern raus, zum anderen sind meine Gliedmaßen steif vom langen Sitzen und die Panik kratzt nun doch immer stärker an meinem Inneren.
Doch er lässt mir keine Wahl. Er packt mich grob am Oberarm und zerrt mich nach draußen. Dabei stoße ich mir den Kopf und kann ein schmerzvolles Stöhnen nicht unterdrücken.
»Wenn dir das schon wehtut …« Der Glatzkopf lacht und ich will mir nicht vorstellen, was er damit meint.
Natürlich habe ich in den vergangenen Stunden gegrübelt, was mit uns geschehen wird. Habe über die Gerüchte nachgedacht, was angeblich an diesem Ort geschieht. Von Menschenhandel bis Zwangsarbeit war alles dabei.
Und denk nur an die Geschichten über Dämonen, wirft mein Unterbewusstsein ein.
All diese Gedanken lassen mein Herz rasen.
Unbeholfen, weil meine Beine mich nicht richtig tragen, versuche ich, mich aus Afros Griff zu winden. Ohne Erfolg. Seine Hand ist ein Schraubstock, als er mir den Arm auf den Rücken dreht und mich mit dem Gesicht voran mit Wucht gegen die Käfigreihe gegenüber drückt. Das kalte Metall der Gitterstäbe beißt schmerzhaft in meine Wange. Angst rinnt mir eisig die Wirbelsäule hinab. Ich zapple, um mich zu befreien, doch Afro drückt seinen ganzen Körper gegen meinen, greift mit der freien Hand nach vorn, unter mein T-Shirt. Auf meinen Bauch. An meine Brüste. Packt zu, schmerzhaft fest.
Meine ganze Welt erstarrt.
Mein panischer Blick zuckt in dem bisschen Sichtfeld, das mir bleibt. Tränen treten mir in die Augen, alles verschwimmt. Ich sehe meinen Käfiggegenüber zu mir aufsehen, der erstaunlich dunkelblaue Augen hat, die erfüllt sind von Wut.
Wut, die sich durch seinen Blick auf mich zu übertragen scheint, mich aus meiner Starre reißt und meinen Kampfwillen weckt.
Ich schreie, trete um mich. Die Welt dreht sich. Ich verstehe nicht, was passiert, doch der Druck gegen meinen Körper lässt nach. Glatzkopf drischt auf den Käfig ein und ich liege wimmernd am Boden.
»Ihr habt wohl Spaß daran, euch an Schwächeren zu vergreifen?«
Über die Schulter sehe ich, dass der Wuschelhaarige vorn im Käfig kauert, die Hände um die Gitterstäbe geklammert. Er hat die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst, seine Kieferlinie ist so scharf wie seine schmale Nase.
Glatzkopf steht schnaufend daneben, Afro reibt sich fluchend das Knie.
Hat der Wuschelhaartyp mir gerade geholfen und Afro — ja, was? Getreten? Gestoßen?
Dafür, dass wir uns nicht kennen, ist das erstaunlich nobel von ihm. Das bin ich nicht mehr gewohnt.
Statt einer Antwort zerrt Afro mich unsanft auf die Beine.
»Dafür wirst du bezahlen.«
»Halt dich zurück, Tom«, fährt ihm Glatzkopf über den Mund. »Du weißt, was der Boss gesagt hat.«
Was auch immer dieser Boss gesagt haben mag, ich bin ihm dankbar — und vermutlich werde ich ihn bald kennenlernen. Denn die Hand des Glatzköpfigen schließt sich um meinen anderen Oberarm und sie eskortieren mich zur Tür.
»Warum nehmt ihr nicht lieber mich mit?«, ruft uns der Wuschelhaarige nach. Er klingt noch immer wütend. Ich versuche, einen Blick zu ihm zurückzuwerfen, doch Tom zerrt so stark an meinem Arm, dass ich stolpere.
»Keine Sorge«, antwortet Glatzkopf über die Schulter, als er mich durch die Tür am Ende des Raums schiebt, »du kommst auch noch dran.«
Hinter uns fällt die schwere Stahltür mit einem Donnern ins Schloss.

Nach einer klapprigen Metalltreppe, zwei weiteren Türen und einem langen Gang betreten wir eine Halle.
Ich muss gegen die Helligkeit anblinzeln, erkenne zunächst nur Schemen. Schließlich kann ich Umrisse in der früheren Industriehalle ausmachen. Große Käfige. Eine Grube, in der zwei Personen boxen; wenn einer einen Treffer landet, ertönt ein Klatschen. Eine grob zusammengezimmerte Tribüne, auf der ein paar Leute lungern, deren Gemurmel gelegentlich von einem Anfeuerungsruf unterbrochen wird.
Ein leichter, chemischer Geruch sticht mir in der Nase, wird aber schnell von dem von Schweiß überlagert.
In der Mitte dieser Arena steht ein Mann ohne Shirt mit dem Rücken zu uns an einem groben Holztisch. Darauf liegt neben einer schwarzen Kunststoffbox und mehreren Fläschchen allerhand seltsames Zeug herum, das ich nicht zuordnen kann. Daneben steht ein Stuhl, der für mich mit dem verchromten Sockel wie ein Behandlungsstuhl beim Zahnarzt aussieht.
Ein zweiter Mann, ähnlich breit im Kreuz wie der am Tisch, sitzt auf der Kante. Seine linke Schulter ist großflächig tätowiert und glänzt im hellen Licht der Halle.
Vermutlich werden die Beule und die blauen Flecken nicht die einzigen unliebsamen Andenken an den heutigen Tag bleiben werden. Wo bin ich da nur hineingeraten? Ich nur Hilfe dabei, meinen Bruder zu finden, und lande … in einer Folterarena? Ich wollte doch nur wissen, ob mein Bruder noch lebt, ob es ihm gut geht, oder ob er mich nicht mehr ausgehalten hat, und nicht … in so etwas hineinstolpern.
Ich hab es dir doch gesagt, kommentiert Elas Stimme und unterstreicht damit meinen Ärger über mich selbst.
Mein Atem geht schneller und ich schlucke schwer gegen die Übelkeit, die in mir hochsteigt. Mein Herz schlägt schwer und schmerzhaft gegen meinen Brustkorb, meine Knie versteifen sich. Nein, ich will nicht weitergehen, will nicht herausfinden, wofür das ganze Zeug auf dem Tisch gedacht ist.
»Jetzt stell dich nicht so an, Zuckerpuppe.« Der Glatzkopf knurrt regelrecht, greift stärker um meinen Arm.
Ja, definitiv blaue Flecken.
Doch wenn ich eines nicht will, dann, dass sie meine Angst bemerken. Dass sie denken, ich sei schwach.
Ich weiß, wie gefährlich es ist, wenn Leute wie diese deine Angst riechen. Daher drücke ich den Rücken durch. Ziehe meine Mauer aus Sarkasmus und Ironie hoch und verstecke die Panik dahinter. Denn was wäre die Alternative? Sie werden mich kaum als hysterisch schluchzendes Etwas auf dem Hallenboden liegen lassen.
»Entschuldigung, ich hatte einen Krampf.« Meinen gespielt unschuldigen Blick und das übertriebene Wimpernklimpern quittiert Glatzkopf mit einem Schnauben.
Als wir in der Mitte der Arena angekommen sind, dreht sich der Typ am Tisch um.
»Unsere nächste Kandida—«
Er erkennt mich.
Und ich erkenne ihn.
Also doch. Es stimmt, was ich gehört habe und was mich auf die alte Industrieanlage geführt hat. Hoffnung verleiht meinen nächsten Schritten eine Leichtigkeit, die ich lange nicht gespürt habe.
Das ist Mel. Kays bester Freund Mel, ein Teil der Skatercrew, die ständig die Schulflure unsicher gemacht hat. Ich habe so oft mit ihnen abgehangen; früher, wenn Kay mal wieder auf mich aufpassen musste, später, als ich Mel faszinierend fand und gern auch zu den coolen Kids gehören wollte.
Etwas in mir zieht sich beim Gedanken an meinen Bruder schmerzhaft zusammen, aber dafür ist jetzt keine Zeit. Nicht, wenn mir einer seiner Freunde gegenübersteht und mir helfen kann, ihn wiederzufinden. Und hoffentlich auch dabei, dass diese Situation nicht so schrecklich endet, wie sie sich anfühlt. Er wird schließlich nicht die kleine Schwester seines früheren besten Freundes foltern, die bei Zock- und Filmabenden dabei war und ihn angehimmelt hat, oder?
Oder?
Wie es aussieht, hat Mel die Zeit seit dem Fall zum Gewichtheben und Tätowieren genutzt. Ich kann keine Stelle an seinem muskulösen Oberkörper erkennen, die nicht von verschlungenen Symbolen und Mustern bedeckt ist. Sogar hinter seinem Ohr ziehen sich Tätowierungen über seinen seitlich rasierten Schädel bis an die Schläfe.
Und wenn ich eins und eins zusammenzähle, hat Mel auch sein kriminelles Repertoire erweitert und beschränkt sich nicht mehr auf das Skaten in Schulfluren.
»Sarah!«, ruft er aus und klingt ausgesprochen fröhlich dabei. »Na wenn das nicht Sarah Gessler ist. Dass wir uns noch mal begegnen, hätte ich nicht erwartet.«
Da sind wir schon zwei, Mel. Niemals hätte ich gedacht, ihn nach dem Fall wiederzusehen. Oder sogar seine Hilfe zu benötigen, seinem guten Willen ausgeliefert zu sein. Zu weit waren unsere Lebenswege schon zum Zeitpunkt des Falls auseinandergelaufen.
»Ich wusste zwar, dass wir zwei dunkelhaarige Schönheiten erwischt haben und uns auch ein großer Fisch ins Netz gegangen ist. Das haben mir die Jungs erzählt. Aber dass du dabei bist …« Er schüttelt lachend den Kopf, als habe er eher damit gerechnet, drei rosa Elefanten zu fangen. »Du kannst gehen, wir sind für heute fertig«, sagt er zu dem Mann auf der Liege und verdeutlicht seine Worte mit einer wedelnden Handbewegung. Dann fährt er an mich gewandt fort: »Wie geht es dir? Wir haben uns ja ewig nicht gesehen.«
Fragt er das gerade wirklich? Als würden wir uns auf der Straße beim Einkaufen treffen und plaudern?
Trotz der absurden Situation flattert weiterhin die Hoffnung in mir. Er kennt mich, er verhält sich normal. Was auch immer er mit den Leuten vorhat, die noch hinten in den Käfigen ausharren, wird da kaum auch für mich gelten.
»Ich fühle mich … eingeschränkt.« Ich untermale meine Worte mit einem überdeutlichen Blick zuerst auf Glatzkopfs, dann auf Toms Hände, die meine Oberarme wie Schraubstöcke umklammern.
Mel wedelt mit der Hand. »Lasst sie los, Jungs. Du wirst uns keinen Ärger machen, oder Sarah?«
»Habe ich denn Grund, Ärger zu machen?«, frage ich zurück und reibe mir die befreiten Oberarme. Tom konnte es nicht lassen, noch mal extra schmerzhaft zuzudrücken.
Mel lehnt sich an die Tischkante, die Arme vor der Brust verschränkt. »Ich würde es dir nicht empfehlen.«
Mein Blick folgt seinem zur Tribüne. Die Gestalten dort beobachten uns genau und werden kaum Partei für mich ergreifen. Warum sollten sie auch?
»Was treibt Kay so?«
»Keine Ahnung, habe ihn lange nicht gesehen.« Das Loch, das sich in mir auftut, überspringe ich, indem ich zur Tribüne nicke. »Deine Leute?«
»Allerdings.« Sein Strahlen ist breit und stolz. Ich kann es nachvollziehen. Dieser Tage der Anführer einer Gruppe zu sein, ist eine gute Sache. Eine, auf die man stolz sein kann. Das verspricht Sicherheit für einen selbst und seine Lieben. Sofern man welche übrig hat.
Es jagt mir aber auch kalte Schauer über den Rücken, dass Mel, der Skaterboy, so mächtig geworden ist.
Was hat er getan, um an der Spitze zu stehen? Außer Menschen in Käfige zu sperren, natürlich …
Obwohl ich es gar nicht wissen will, frage ich: »Und was treibt ihr so?«
Mel lächelt noch immer, jetzt wirkt es unheilvoll. »Schön, dass du fragst.« Er stößt sich vom Tisch ab und klatscht in die Hände, dann deutet er auf den Behandlungsstuhl. »Wollen wir?«
TO BE CONTINUED
Wie hat dir die Leseprobe von »Demon Under Your Skin« gefallen? Bist du neugierig, wie es mit Sarah witergeht und in was sie da hineingeraten ist? Lass mich gern deine Meinung wissen und schreib mir eine Nachricht an autorin@anna-frank.de oder auf Instagram an @anna.frank_autorin, oder schreib mir unten einen Kommentar.

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